Das ist die Bedeutung davon, ständig die Arme zu verschränken, laut Psychologie
Du sitzt im Meeting, dein Kollege verschränkt die Arme. Sofort schießt dir der Gedanke durch den Kopf: Der mag meinen Vorschlag nicht. Oder du selbst merkst plötzlich, dass du schon wieder dastehst wie eine menschliche Brezel – Arme fest vor der Brust. Fühlt sich irgendwie sicher an, oder? Aber was sagt das eigentlich über dich aus? Bist du jetzt automatisch verschlossen, abweisend oder – noch schlimmer – unnahbar?
Spoiler: Absolut nicht. Die Wissenschaft hat nämlich längst bewiesen, dass diese eine simple Geste viel komplizierter ist, als uns Ratgeber-Bücher aus den Neunzigern weismachen wollten. Verschränkte Arme können tatsächlich alles Mögliche bedeuten – von konzentriertem Zuhören über emotionale Selbstfürsorge bis hin zu simplem Körperkomfort. Und manchmal heißt es einfach nur: Mir ist kalt.
Schnall dich an, denn wir räumen jetzt mit einem der hartnäckigsten Körpersprache-Mythen überhaupt auf. Nach diesem Artikel wirst du nie wieder so über verschränkte Arme denken wie vorher.
Der Mythos, der einfach nicht sterben will
Seit Jahrzehnten wird uns eingetrichtert: Verschränkte Arme gleich Abwehrhaltung. Punkt. Diese Person baut eine Mauer zwischen sich und der Welt. Die will nichts von dir wissen. Geh lieber.
Das Problem? Diese Interpretation ist wissenschaftlich gesehen ungefähr so präzise wie ein Horoskop. Klar, manchmal stimmt es. Aber eben längst nicht immer.
Die Psychologen Tracy und Robins haben 2007 in ihrer Forschung zu Körpersprache und Emotionen etwas Faszinierendes entdeckt: Verschränkte Arme können Stolz signalisieren, Selbstbewusstsein und innere Stärke zusammenhängen. Also genau das Gegenteil von unsicher oder ablehnend. Denk mal an einen Sportler, der nach seinem Sieg dasteht – Arme verschränkt, Kopf hoch, selbstbewusster Blick. Der will niemanden aussperren. Der fühlt sich einfach verdammt gut.
Noch interessanter wird es mit den Studien von Karl Grammer und seinen Kollegen aus den Neunzigern. Die haben herausgefunden, dass verschränkte Arme nur dann wirklich Ablehnung signalisieren, wenn gleichzeitig andere negative Signale auftreten. Wir reden hier von angewidertem Gesichtsausdruck, weggedrehtem Körper oder zusammengezogenen Augenbrauen. Für sich allein genommen sagt die Geste praktisch nichts aus.
Das ist so, als würdest du eine einzelne Musiknote hören und daraus das komplette Lied erraten wollen. Funktioniert nicht.
Was verschränkte Arme wirklich bedeuten können
Okay, wenn die klassische Interpretation falsch ist – was stimmt denn dann? Die ehrliche Antwort: Es kommt drauf an. Aber keine Sorge, wir lassen dich nicht mit dieser unbefriedigenden Aussage allein. Hier kommen die wissenschaftlich belegten Bedeutungen dieser Geste.
Du bist gerade im Hochkonzentrations-Modus
Eine der coolsten Erkenntnisse kommt aus der Forschung zur embodied cognition – also der Idee, dass Körper und Geist sich ständig gegenseitig beeinflussen. Wenn du deine Arme verschränkst, während du nachdenkst oder jemandem zuhörst, könnte das tatsächlich deinem Gehirn helfen, fokussiert zu bleiben.
Die Forschung dahinter ist solide: Die physische Barriere, die du mit deinen Armen schaffst, minimiert Ablenkungen. Dein Gehirn bekommt das Signal: Okay, jetzt wird konzentriert, nicht herumgezappelt. Es ist wie eine körperliche Erinnerung daran, bei der Sache zu bleiben.
Noch krasser: Die Universität Mannheim hat in Studien gezeigt, dass Menschen mit verschränkten Armen bei schwierigen Aufgaben länger durchhalten. Sie geben nicht so schnell auf. Die Geste scheint eine Art mentale Barriere gegen Frustration zu schaffen – ein körperlicher Anker für Entschlossenheit.
Also, wenn dein Chef im Meeting die Arme verschränkt, während du präsentierst? Vielleicht hört er dir einfach super aufmerksam zu. Oder sie denkt gerade intensiv über deinen Vorschlag nach. Nicht automatisch schlecht.
Du regulierst gerade deine Emotionen
Hier wird es richtig interessant. Die CoachAcademy Stuttgart hat in einer Kontextstudie herausgefunden, dass verschränkte Arme häufig mit Entspannung und emotionaler Selbstregulation zusammenhängen – nicht mit Abwehr.
Moment mal, Entspannung? Bei einer scheinbar defensiven Haltung? Klingt paradox, macht aber total Sinn, wenn man sich die Biologie anschaut.
Wenn du deine Arme verschränkst, berührst du dich selbst – deine Hände liegen auf deinen Oberarmen. Diese Form der Selbstberührung ist nicht nur gemütlich, sie kann tatsächlich beruhigend wirken. Forschung zu taktiler Selbstberührung zeigt, dass solche Gesten das parasympathische Nervensystem aktivieren können – das ist unser Entspannungsmodus, der uns runterfährt, wenn wir gestresst sind.
Im Grunde gibst du dir selbst eine kleine Umarmung. Und wer fühlt sich nach einer Umarmung nicht besser?
Das erklärt auch, warum wir diese Haltung oft automatisch einnehmen, wenn wir uns unwohl fühlen oder in einer emotional aufgeladenen Situation sind. Es ist weniger „Ich will dich nicht hier haben“ und mehr „Ich brauche gerade einen Moment, um mich selbst zu beruhigen“. Ein riesiger Unterschied.
Du schützt dich – aber nicht vor anderen Menschen
Okay, manchmal bedeuten verschränkte Arme tatsächlich, dass jemand sich schützen will. Aber nicht unbedingt vor dir persönlich. Die Forschung von Amy Cuddy und ihren Kollegen aus dem Jahr 2010 zu Power Posing hat gezeigt, dass geschlossene Körperhaltungen Unsicherheitsgefühle verstärken können, während offene Posen das Selbstvertrauen steigern.
Evolutionsbiologisch ergibt das total Sinn. Wenn wir unsere Arme verschränken, schützen wir instinktiv unsere vitalen Organe – Herz, Lunge, Bauch. Das ist ein uralter Reflex aus Zeiten, in denen körperliche Bedrohungen zum Alltag gehörten.
Aber hier ist der Clou: Diese Schutzhaltung kann sich gegen alle möglichen Dinge richten. Vielleicht fühlt sich jemand in einem Raum unwohl. Vielleicht ist das Gesprächsthema unangenehm. Vielleicht ist der Person einfach kalt, und sie will Körperwärme bewahren.
Die Unsicherheit oder das Schutzbedürfnis muss überhaupt nichts mit dir zu tun haben.
Warum einzelne Gesten nichts bedeuten
Hier kommt die wichtigste Lektion überhaupt: Einzelne Gesten bedeuten nichts. Absolut nichts. Was wirklich zählt, ist das Gesamtbild.
Experten für nonverbale Kommunikation nennen das „Cluster-Signale“ und „Baseline-Analyse“. Klingt kompliziert, ist aber eigentlich simpel: Du musst mehrere Signale gleichzeitig beobachten und wissen, wie sich eine Person normalerweise verhält, um Veränderungen zu bemerken.
Sagen wir, du bist in einem Meeting. Deine Kollegin verschränkt die Arme. Was jetzt? Schau dir an: Wie ist ihr Gesichtsausdruck? Entspannt? Angespannt? Neutral? Lächelt sie vielleicht sogar? Was macht der Rest ihres Körpers? Lehnt sie sich interessiert nach vorne oder distanziert nach hinten? Wie ist der Blickkontakt? Schaut sie dich direkt an oder vermeidet sie deinen Blick?
Erst wenn du alle diese Faktoren zusammen betrachtest, kannst du anfangen, die Situation wirklich zu verstehen. Und selbst dann kannst du falsch liegen, weil Menschen kompliziert sind und manchmal einfach tun, was sich gerade bequem anfühlt.
Die Studien von Grammer und Wallbott haben das deutlich gezeigt: Ablehnung erkennst du nie an verschränkten Armen allein, sondern immer nur in Kombination mit anderen negativen Signalen – weggedrehter Körper, angewiderter Gesichtsausdruck, kalter Tonfall. Kontext ist entscheidend bei Körpersprache, nicht die einzelne Geste.
Plot Twist: Verschränkte Arme können sogar gut sein
Bereit für die wirklich überraschende Wendung? Diese vermeintlich defensive Geste kann tatsächlich positive Effekte haben.
Erstens: Besseres Zuhören. Wenn jemand beim Zuhören die Arme verschränkt, kann das bedeuten, dass diese Person dir ihre volle Aufmerksamkeit schenkt. Die Haltung hilft, Ablenkungen auszublenden und sich auf den Sprecher zu konzentrieren. Also genau das Gegenteil von Desinteresse.
Zweitens: Mehr Durchhaltevermögen. Die Studie der Uni Mannheim fand heraus, dass Menschen mit verschränkten Armen bei anspruchsvollen Aufgaben hartnäckiger bleiben. Die physische Barriere scheint eine mentale Barriere gegen das Aufgeben zu schaffen. Das ist wie ein körperlicher Reminder: Nicht hinschmeißen, weitermachen.
Drittens: Ausdruck von Selbstsicherheit. In bestimmten Kontexten signalisieren verschränkte Arme tatsächlich Selbstbewusstsein und Standfestigkeit. Denk an einen erfolgreichen CEO, der mit verschränkten Armen vor seinem Team steht und seine Vision präsentiert. Das wirkt nicht unsicher, sondern souverän.
Wann solltest du trotzdem aufmerksam werden?
Okay, verschränkte Arme sind nicht automatisch schlecht. Aber es gibt Situationen, in denen du genauer hinschauen solltest.
Plötzliche Veränderung: Wenn jemand mitten im Gespräch plötzlich von einer offenen zu einer geschlossenen Haltung wechselt, ist das ein Signal. Irgendetwas hat sich verändert – vielleicht hast du ein heikles Thema angeschnitten, oder die Person fühlt sich unwohl. Das ist die Baseline-Veränderung, auf die Experten achten.
Weitere negative Signale: Verschränkte Arme plus zurückgelehnter Körper plus vermiedener Blickkontakt plus zusammengezogene Augenbrauen – das ist ein Cluster negativer Signale. Wenn mehrere solcher Zeichen zusammenkommen, darfst du davon ausgehen, dass die Person tatsächlich distanziert oder ablehnend reagiert.
Widersprüchliche Kommunikation: Wenn jemand sagt „Ja, das klingt interessant“, dabei aber die Arme verschränkt, den Blick abwendet und monoton klingt, stimmt etwas nicht. Die nonverbalen Signale widersprechen den Worten – und in solchen Fällen sind die Körpersignale meist ehrlicher.
Experten betonen, dass genau dieser ganzheitliche Blick entscheidend ist. Einzelne Gesten isoliert zu interpretieren führt fast immer in die Irre.
Was du mit diesem Wissen anfangen kannst
Genug Theorie. Wie nutzt du diese Erkenntnisse im echten Leben?
Erstens: Höre auf, vorschnell zu urteilen. Wenn jemand dir gegenüber die Arme verschränkt, atme durch und beobachte weiter. Schau dir das Gesamtbild an, bevor du Schlüsse ziehst. Vielleicht denkt die Person einfach intensiv nach über das, was du gesagt hast. Vielleicht ist sie fokussiert. Vielleicht ist ihr kalt.
Zweitens: Achte auf deine eigene Körpersprache. Die Forschung von Carney und ihrem Team zeigt, dass offene Körperhaltungen tatsächlich dein subjektives Gefühl von Selbstvertrauen steigern können. Wenn du dich vor einem wichtigen Gespräch nervös fühlst, probiere bewusst eine offenere Haltung aus – Schultern zurück, Brust raus, Arme locker an den Seiten. Das kann dir helfen, dich stärker zu fühlen.
Aber: Wenn das Verschränken der Arme dir hilft, dich zu konzentrieren oder emotional zu regulieren, dann mach das ruhig. Authentizität ist wichtiger als krampfhaft offene Körpersprache. Du musst nicht dastehen wie ein überdrehter Motivationstrainer, nur um offen zu wirken.
Drittens: Nutze Veränderungen als Gesprächsanlass. Wenn du bemerkst, dass jemand während eures Gesprächs plötzlich die Arme verschränkt, kannst du empathisch nachfragen: „Ist alles okay?“ oder „Was denkst du darüber?“. Das zeigt, dass du aufmerksam bist, und gibt der Person die Chance, eventuelle Bedenken zu äußern.
Die Wissenschaft dahinter: Was im Körper passiert
Lass uns kurz nerdiger werden, weil die Wissenschaft dahinter wirklich faszinierend ist.
Die embodied cognition Theorie erklärt, dass Körper und Geist keine getrennten Systeme sind, sondern sich ständig gegenseitig beeinflussen. Deine Körperhaltung sendet Signale an dein Gehirn, die wiederum deine Emotionen und Gedanken beeinflussen. Das funktioniert in beide Richtungen.
Wenn du deine Arme verschränkst und dabei eine selbstberührende Komponente hast – die Hände liegen auf den Oberarmen – aktivierst du möglicherweise dein parasympathisches Nervensystem. Das ist der Teil deines Nervensystems, der für Ruhe und Entspannung zuständig ist. Das erklärt, warum die Geste oft beruhigend wirkt.
Gleichzeitig kann die geschlossene Haltung dem Gehirn signalisieren: Wir müssen fokussiert bleiben. Diese doppelte Wirkung – beruhigend und fokussierend – macht verschränkte Arme zu einer ziemlich cleveren Strategie deines Körpers in vielen Situationen.
Die Forschung zeigt auch, dass wiederholte Körperhaltungen unsere emotionalen Muster verstärken können. Wenn du ständig mit verschränkten Armen herumläufst, könnte das langfristig deine emotionale Verfassung beeinflussen. Aber – und das ist wichtig – das gilt für alle Haltungen, nicht nur für diese eine.
Die Wahrheit über Körpersprache
Nach allem, was wir besprochen haben, kommen wir zur zentralen Erkenntnis: Körpersprache ist verdammt kompliziert. Und jeder, der dir etwas anderes erzählt, verkauft dir entweder ein Buch oder hat die Forschung nicht gelesen.
Es gibt keine universelle Bedeutung für verschränkte Arme. Diese eine Geste kann Selbstbewusstsein, Konzentration, Selbstregulation, Komfort, Unsicherheit oder Ablehnung bedeuten – abhängig von gefühlt tausend verschiedenen Faktoren.
Die Studien von Tracy und Robins, Grammer und seinen Kollegen, Carney und ihrem Team, die Forschung der Uni Mannheim und die Kontextstudien der CoachAcademy Stuttgart zeichnen alle das gleiche Bild: Kontext ist alles. Einzelne Gesten sind bedeutungslos. Das Gesamtbild zählt.
Was bedeutet das für dich? Werde zum aufmerksamen Beobachter, nicht zum vorschnellen Interpreten. Schau dir an, wie Menschen sich verhalten, nicht nur was sie mit ihren Armen machen. Achte auf Veränderungen, auf Cluster von Signalen, auf den Kontext der Situation.
Und vor allem: Hab keine Angst vor verschränkten Armen – weder bei anderen noch bei dir selbst. Manchmal bedeutet diese Haltung einfach, dass jemand nachdenkt. Oder sich wohl fühlt. Oder dir seine volle Aufmerksamkeit schenkt.
Das nächste Mal, wenn du jemanden mit verschränkten Armen siehst, pausiere einen Moment. Schau genauer hin. Beobachte das Gesamtbild. Du wirst überrascht sein, wie viel komplexer und interessanter die Geschichte ist, als du dachtest. Menschliche Kommunikation ist ein faszinierendes Chaos aus verbalen und nonverbalen Signalen, und genau das macht sie so spannend. Verschränkte Arme sind nur ein winziger Teil dieses großen Puzzles – und meistens bedeuten sie etwas völlig anderes, als wir jahrelang gedacht haben.
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